Ein Roboter im Aufenthaltsraum
Er sitzt im Gemeinschaftsraum des Pflegeheims Haus Friede in Leer, Ostfriesland. Sein Gesicht bewegt sich. Seine Augen nehmen Blickkontakt auf. Seine Mimik reagiert. Ameca von der britischen Firma Engineered Arts gilt als einer der ausdrucksstärksten humanoiden Roboter der Welt. Anfang 2026 war er Teil eines Forschungsexperiments.
Ein Mausklick am Computer, und die Gymnastik beginnt. "Wir werden jetzt eine kurze Sitzgymnastik machen", sagt Ameca zu den rund zwei Dutzend Senioren, und fordert sie zum Nachmachen auf. "Und hoch, und links, und rechts — sehr gut", ruft der Roboter mit weiblicher Stimme.
Dann stimmt Ameca ein Volkslied an: "Alle Vögel sind schon da". Der Roboter trällert, bewegt dazu Kopf, Augen, Arme und Hände. Der Ton kommt aus einem Lautsprecher in der Brust. Mikrofone stecken in den Ohren, Kameras in den Augen. "Quasi wie beim Menschen", sagt Ingenieurin Celia Nieto Agraz.
Die Wissenschaft dahinter
Nieto Agraz und ihr Kollege Björn Holtze, Neuropsychologe, forschen am Oldenburger Institut für Informatik (OFFIS) im Forschungsbereich Gesundheit. Ihre Fragen: Was macht einen Roboter im Pflegeheim sympathisch? Was wird als störend empfunden? Kann ein Roboter Einsamkeit lindern?
Dass Ameca nicht zu menschenähnlich aussieht, ist bewusst so gewollt. Metallplatten, Scharniere und Federn sind sichtbar. So stellt Engineered Arts sicher, dass die Maschine auch als Roboter wahrgenommen wird. Der fast zwei Meter grosse Ameca kann nicht gehen — nur der Oberkörper bewegt sich.
Die Reaktionen
Berührungsängste hatten die wenigsten Senioren. "Ich finde das ganz interessant. Der ist mir sehr sympathisch", sagt eine Bewohnerin. Heimleiter Manfred Elsen sieht Potenzial in KI und Robotik für künftige Pflegearbeit.
Warum das in Deutschland so relevant ist
Bis 2049 werden in Deutschland zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen (Statistisches Bundesamt, Januar 2024). Der demografische Wandel trifft eine Branche, die schon heute am Limit arbeitet. Aber mehr als Arbeitskräfte fehlt oft etwas anderes: Zeit für Gespräche. Zuwendung. Ein Gegenüber, das nicht auf die Uhr schaut.
Was Roboter können — und was nicht
Ameca ersetzt keinen Menschen. Er kann nicht fühlen, was Einsamkeit bedeutet. Aber er kann zuhören, reagieren, Präsenz zeigen. Und für manche Bewohner ist genau das wertvoll — ein Gegenüber, das Zeit hat, keine Termine, keine Eile. Kritiker warnen: Roboter dürfen nicht als Ersatz für menschliche Pflege missbraucht werden. Befürworter entgegnen: Die Alternative ist für viele kein menschlicher Kontakt — sondern gar keiner.